Mein Ururgroßvater


Ich Opa, sag mir mal, wie dein Großvater war.
Opa Er war sehr streng und lachte nie, als du von seinem Bild sehen kannst.
Ich Aber wie war er, was hat er, zum Beispiel, von den Juden gehalten?
Opa Er hat nämlich die Juden gehasst.
Ich Warum denn?
Opa: Er hatte einen Vorgesetzten, der Jude war. Cohn hieß er. Mein Großvater hasste ihn, weil er ein Gebetstuch mit Fransen immer trug. Er hat auch nicht einmal im Zimmer den Hut abgesetzt. Großvater hat auch gemeint, dass wir die Juden hassen sollten, weil sie unseren Herrn ans Kreuz geschlagen haben. Mein bester Freund Friedrich war auch Jude. Das war mir so peinlich, wenn Opa so komisch redete.

 

Huttragender Jude

Tallith

Ich Was hast du an deinem ersten Schultag gemacht?
Opa Wir haben in der Schule das Lied "Hänschen klein" gesungen, wir haben Schultüten bekommen, und dann sind wir auf den Rummelplatz gegangen.

 
Hänschen klein
von Franz Wiedeman 1821-1882
Erste Version

1. Hänschen klein
Geht allein
In die weite Welt hinein.
Stock und Hut
Stehet ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Aber Mama weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr!
"Wünsch dir Glück!
Sagt ihr Blick,
"Kehr' nur bald zurück!"

2. Sieben Jahr
Trüb und klar
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt
Sich das Kind,
Eilt nach Haus geschwind.
Doch nun ist's kein Hänschen mehr.
Nein, ein großer Hans ist er.
Braun gebrannt
Stirn und Hand.
Wird er wohl erkannt?

3. Eins, zwei, drei
Geh's vorbei,
Wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht:
"Welch Gesicht?
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher die Mutter sein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon:
"Hans, mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!"

Zweite Version

1. Hänschen klein
Geht allein
In die weite Welt hinein;
Stock und Hut
Steht ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Aber Mama weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr!
Da besinnt
Sich das Kind,
Kehrt nach Haus geschwind.

2. Lieb' Mama,
Ich bin da,
Ich dein Hänschen, hopsasa!
Glaube mir
Ich bleib hier,
Geh nicht fort von dir!
Da freut sich die Mutter sehr
Und das Hänschen noch viel mehr!
Denn es ist, 
Wie ihr wisst,
Gar so schön bei ihr.
 
 

Noten

Melodie



 
Die Fahne hoch  (oder das "Horstwessellied")
von Horst Wessel 1927 (Ermordet 1930)
1. Die Fahne hoch
Die Reihen fest geschlossen
S.A. marschiert
Mit ruhig festem Schritt
|: Kam'raden die Rotfront
Und Reaktion erschossen
marschier'n im Geist
In unsern Reihen mit:|

2. Die Straße frei
Den braunen Bataillonen
Die Straße frei
Dem Sturmabteilungsmann
|: Es schau'n auf's Hakenkreuz
Voll Hoffnung schon Millionen
Der Tag für Freiheit
Und für Brot bricht an:|

3. Zum letzten Mal
Wird nun Appell geblasen
Zum Kampfe steh'n
Wir alle schon bereit
|:Bald flattern Hitler-fahnen
Über allen Straßen
Die Knechtschaft dauert
Nur mehr kurze Zeit:|

4. Die Fahne hoch
Die Reihen fest geschlossen
S.A. marschiert
Mit ruhig festem Schritt
|: Kam'raden die Rotfront
Und Reakton erschossen
marschier'n im Geist
In unsern Reihen mit:|


Den Leichenzug des am 23.2.1930 tödlich verletzten SA-Führers Hort Wessel muss die Polizei mit Panzern schützen
 
 
 

Noten

Melodie


Pferdekarussell

Mein lieber Sohn 
und sein Freund Friedrich 
am ersten Schultag, 1931
Liebe Ulrike,

Hier kannst Du ein Bild von Deinem Patenkind und seinem Freund Friedrich sehen, der nämlich über uns wohnt, am ersten Schultag. Was für ein Tag ist es gewesen! Alles war für mich und besonders für Vati ein bißchen peinlich, weil Vati immer noch keine Arbeit hat. Die Schultüte war nur mit verzuckerter Zwiebäcke und Zeitungen gefüllt. Wir mußten unseren Sohn bitten, die Schultüte nicht aufzumachen, bis wir zu Hause waren. Friedrichs Tüte war natürlich voll von Süßigkeiten, einschließlich Schokolade, weil Herr Schneider Beamter bei der Post ist. Dann hat Herr Schneider uns eingeladen, mit zum Rummelplatz zu gehen. Die Kinder sind mit Pferden auf dem Pferdekarussell geritten (Karten von Herrn Schneider gekauft), haben Stäbchen mit riesigen Bällen Zuckerwatten gegessen (Frau Schneider hat sie gekauft), haben auch Bockwurst mit Senf und Brötchen (von Herrn Schneider wieder) und Lakritzstangen (Vati hat sie mit dem Haushaltsgeld gekauft) gegessen und sind mit dem Feuerwehrkarussel gefahren (Herr Schneider noch mal). Dann hat Vati mit dem Geldrest ein Foto von uns sechs auf einem riesigen Pferd machen lassen.

Viele liebe Grüße

Deine Schwester


Ich Wie und wann hat dein Vater wieder Arbeit gefunden? 
Opa Er ist '33 der Partei beigetreten. 
Ich Welcher Partei, Opa?
Opa Der NSDAP, das heißt, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. 
Ich Ach, die Nazi-Partei. 
Fahne des dritten Reiches Adolph Hitler Hitler und Hindenburg

Zeittafel des Jahres 1933

4. Januar Besprechung Hitlers mit Papen im Haus des Bankier Schröder in Köln.

11. Januar Reichslandbund unter Führung v. Kalckreuths dringt bei Hindenburg auf die Entlassung Schleichers.

15. Januar Wahlsieg der NSDAP in Lippe unter Einsatz ihres gesamten Propagandaapparates.

20. Januar NSDAP und DNVP lehnen Unterstützung der Schleicher-Regierung ab.

22. Januar Verhandlungen zwischen Papen, Meißner, Oskar v. Hindenburg und Hitler über Regierungsneubildung im Haus Ribbentrops in Berlin. Aufmarsch der SS und SA unter Polizeischutz vor dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin.

28. Januar Rücktritt Schleichers, weil Hindenburg die Erklärung des Notstands, die Auflösung des Reichstags und den Verzicht auf Neuwahlen abgelehnt hatte.

30. Januar "Machtergreifung": Hindenburg beauftragt Hitler mit der Regierungsneubildung (Hitler-Papen-Regierung). Vizekanzler und Reichskommissar in Preußen: Papen; Äußeres: Neurath (parteilos); Inneres: Frick (NSDAP); Reichswehr: Generalleutnant von Blomberg (parteilos); Finanzen: Schwerin von Krosigk (parteilos); Post und Verkehr: Eltz v. Rübernach (parteilos); Wirtschaft, Ernährung, Landwirtschaft und Reichskommissar für Osthilfe: Huenberg (DNVP); Arbeit: Seldte (Stahlheim-Führerk, ab April 1933 NSDAP);Minister ohne Geschäftsbereich, Reichskommissar für Luftfahrt: Göring (NSDAP); Justiz: Gürtner (DNVP) seit dem 1. Februar und ab 13 März Minister für Volksaufklärung und Propaganda: Goebbels.

31. Januar Hitler verkündet im Radio den Aufruf des Kabinetts der "nationalen Erhebung".

1. Februar Hindenburg setzt auf Drängen Hitlers für den 5. März Neuwahlen an.

2. Februar Demonstrationsverbot erlassen.

3. Februar Hitler trägt der Reichswehrführung sein "Lebensraum-Programm" vor.

4. Februar Verordnung des Reichspräsidenten "zum Schutz des deutschen Volkes"; drastische Einschränkung der Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit.

8. Februar Kabinettsbeschluss über die Vorrangigkeit der Bedürfnisse der Reichswehr vor denen für zivile Maßnahmen bei der Vergabe von Mitteln.

12. Februar Blutsonntag in Eilsleben: 500 SA-Leute überfallen Versammlung der Roten Hilfe.

17. Februar "Schießerlass" Görings bei Zusammenstößen zwischen "nationalen Verbänden" und Antifaschisten.

20. Februar Der NSDAP nahestehende Industrielle (Krupp AG, Vereinigte Stahlwerke u.a.) stellen der NSDAP spende von 3 Millionen RM für den Wahlkampf und zur "Abwehr des Kommunismus" zur Verfügung. 

24. Februar SA, SS und Stahlhelm werden "Hilfspolizei".

27. Februar Reichstagsbrand, wird zum Vorwand einer großangelegten Terrorwelle gegen Antifaschisten und Kommunisten.

28. Februar Verbot der KPD. Hindenburg erlässt die "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat": Aufhebung der Grundrechte der Weimarer Verfassung, verschärfte Strafbestimmungen. Einführung der "Schutzhaft". Der Ausnahmezustand bleibt die formaljuristische Basis des Faschismus.


Reichstagbrand
3. März Verhaftung des Vorsitzenden der KPD, Ernst Thälman.

5. März Letzte Reichstagswahlen:

NSDAP 288 Sitze
SPD 120 Sitze
KPD 81 Sitze 
DNVP 53 Sitze
Zentrum 73 Sitze
BVP 19 Sitze

5. März Erste Aktionen gegen jüdische Bürger.

7. März Verbot von Reichsbanner und Eiserner Front.

9. März Faschisten erklären die Mandate der KPD für ungültig und erlassen Haftbefehl gegen alle Abgeordneten der KPD. Dadurch erhält die NSDAP die absolute Mehrheit im Reichstag. Kein Protest der bürgerlichen Parteien.

12. März Reichspräsident erklärt die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzflagge anstelle der schwarz-rot-goldenen zu den offiziellen Staatsfarben. 

17. März Schacht wird erneut Reichsbankpräsident.

20. März Errichtung des Konzentrationslagers Dachau. 1933 werden insgesamt 100 KZs eingerichtet und 150.000 Menschen verschleppt.

21. März Tag von Potsdam. Sondergerichte.

24. März Reichstag beschließt das "Gesetz zur Behebung der Not in Volk und Staat" (Ermächtigungsgesetz) gegen die Stimmen der durch Verhaftungen bereits stark dezimierten SPD-Fraktion.

31. März Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich erlassen: Umbildung der Länderparlamente entsprechend der Reichstagswahl.


Hermann Göring
 
 
 
 



Reichskanzler Adolf Hitler im
Gespräch mit Franz von Papen
Und General Blomberg 21.3.33.

1. April Boykott aller jüdischen Geschäfte durch die SA.

4. April Bildung des geheimen "Reichsverteidigungsrats".

7. April Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" erlassen, Entfernung von "politisch unzuverlässigen" und "nicht-arischen" Beamten aus dem Dienst.

10. April Der 1. Mai wird zum "Tag der nationalen Arbeit" erklärt.

26. April Errichtung des "Geheimen Staatspolizeiamtes" in Berlin.

28. April Wiedereinführung der seit 1920 abgeschafften Militärgerichtsbarkeit.

1. Mai Programm des "Unternehmens Reichsautobahn" verkündet.

2. Mai SA stürmt die Gewerkschaftsbüros und zerschlägt die Gewerkschaftsorganisation.

10. Mai Bücherverbrennungen.

17. Mai Die sogenannte "Friedensrede" (außenpolitisches Programm Hitlers) vom Reichstag mit den Stimmen der SPD gebilligt.

Bücherverbrennungen

22. Juni Verbot der SPD.

27. Juni Hugenberg wird im Kabinett durch einen Nazi ersetzt.

27. Juni - 5. Juli Selbstauflösung der übrigen Parteien.

3. Juli Hitler erklärt die "deutsche Revolution" für beendet.

14. Juli "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" erlassen. "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" erlassen (Zwangssterilisation und Erbgesundheitsgerichte); "Gesetz zur Widerrufung von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft" und "Gesetz über die Verfassung der deutschen evangelischen Kirche" (zur Einordnung der Kirche ins faschistische System, gegen die sich die "Bekennende Kirche" mit Martin Niemöller an der Spitze wandte) beschlossen.

20. Juli Konkordat mit der katholischen Kirche abgeschlossen.

1. August Erste Todesurteile gegen politische Gegner vollstreckt (vier Kommunisten). Bis Ende 1933 66 Todesurteile ausgesprochen.
13. Sept. Winterhilfswerk gegründet.

21. Sept. Reichstagsbrandprozeß gegen Dimitroff und van der Lubbe beginnt.

1. Dezember "Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat" erlassen. R. Hess wird Reichsminister ohne Geschäftsbereich.

19. Dezember Der evangelische "Reichbischof" Müller überführt die Evangelische Jugend geschlossen in die Hitler-Jugend.

Quelle:  Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg, Berlin und vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln (1977): Weimarer Republik. Berlin, Elefanten Press, S. 680-681.



Fahne der Weimarer Republik 1919-1933

 
Sommer 1933
Liebe Ulrike,

Ich konnte kaum warten, Dir die Nachrichten zu geben! Vati hat Arbeit gefunden. Endlich. Er ist mehr als neun Jahre arbeitslos gewesen, aber jetzt kann er was für seine Familie tun. Es war so peinlich, Geld vom unserem Vater nehmen zu müssen. Zuerst war die Inflation so schlimm, die Preise waren so hoch, und dann hat Vati seinen Job verloren. Das Geld war immer so gering, und wir konnten nie was Neues für unseren Sohn kaufen.

Das einzige, was mich stört, ist, daß Vati in der Partei beitreten mußte, um Arbeit zu haben. Ich habe manchmal das Gefühl, daß diese Partei zu keinem guten Ende kommen kann und nicht gut für Deutschland ist. Besonders stört es mich, wie sie die Juden behandeln. Tja, die Politik ist nicht meine Sache.

Herr Schneider, der Jude, der oben wohnt, hat auch wieder eine Stelle. Er arbeitet jetzt bei dem Kaufhaus Herschel Meyer. Friedrich, sein Sohn, hat eben einen neuen Anzug. Na ja, er war nicht so lange arbeitslos wie mein Mann, und ich freue mich auch darüber, weil Friedrich und unser Sohn miteinander so gut befreundet sind. Herr Schneider hat am vorigen Tag beiden Kindern eine Kleinigkeit gekauft. Er ist immer so nett zu uns.

Mit herzlichen Grüßen

Deine Schwester


 

Inflationsposter aus der Zeit der Weimarer Republik. 

Geldhaufen zur Weimarer Zeit 

Viele Arbeitslose sind  in die Partei getreten, um  Arbeit zu finden.

 
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